
„Hmm. Angesichts der Tatsache, dass die da oben immer noch auf mich warten, ist es wohl vorteilhafter, wenn ich da runter steige, anstatt nach oben zu klettern!“ Gedacht, getan!
Er streckte seine Füße aus und rutschte auf dem Hinterteil langsam die nur leicht steile Strecke durch die Öffnung hinab. Unten angekommen sah er sich um und stellte verblüfft fest, dass er sich im Keller des Gebäudes in einer Art altem Luftschutzbunker befand. Das Gitter von vorhin war die Ausstiegsluke hierzu.
Er betrachte in der Dunkelheit die alten Kellergewölbe und sah, dass es sich um einen riesigen Raum handelte, wo mit Sicherheit hundert Leute Platz hätten. Beim vorsichtigen Entlanggehen fand er eine Öffnung in der Wand. „Wo es da wohl hingeht?“
Er nahm sein Feuerzeug aus seiner Hosentasche, um sich etwas Licht zu verschaffen. Als er mit dem Daumen das Reibrad betätigte, wies ihm die kleine Flamme, die dabei entstand, den Weg durch die neu entdeckte Öffnung, die wie eine Türe aussah. Er trat hindurch und befand sich in einem Gang.
Modriger, verfaulter Geruch schlug ihm entgegen und er hörte das Quietschen von Ratten, die in der Gangecke herumkrochen. „Ich hasse diese Biester“, murmelte er, als er an ihnen vorüberging.
Nach einer halben Stunde in dieser schmutzigen und schlecht riechenden Tunnelröhre blieb er angespannt stehen, als er plötzlich den Zeremoniengesang hörte. „Illuminati! Verdammt!“ Er sprang reflexartig zurück und löschte das Licht seines Feuerzeugs. Dann verharrte er reglos in der Dunkelheit.
Den düsteren Tempelgesang hatte er vorhin schon gehört, als er zwei Straßen weiter in die Krypta der Peterskirche hinabgestiegen war. Seine Anstrengungen, diesen ominösen Orden zu beschatten, hatten ihn genau hierher gebracht. „Und was jetzt? Diese verfluchten Ordensaufträge immer!“
Er wusste, dass er sich in tödlicher Gefahr befand! Denn nicht nur, dass er verfolgt wurde, nein, er hatte vorhin eine Sache gesehen, die er niemals hätte sehen dürfen. Zu abstrakt und surreal war das Erlebnis gewesen. Als er vorhin in die Krypta der Kirche eingestiegen war, um sie auf die Hinweise, die er von diesem Kontaktmann erhalten hatte, zu untersuchen, hatte er Musik aus dem Tempelraum im Inneren der Krypta gehört.
Verwundert war er der Musik nachgegangen und in einem Nebenraum eine hölzerne Stiege in einen weiterführenden Keller hinabgestiegen. Was er dort gesehen hatte, hatte er mit seinem Verstand nicht erklären können: Da war nur grüner Nebel und eine Art Opferaltar, auf dem ein Mann saß. Vor ihm hatten zwei andere Männer gestanden, die feierlich Lieder auf Latein sangen und Ritualtexte zitierten.
Plötzlich war der Mann auf dem Altar spurlos in dem grünen Nebel oder Licht verschwunden und Jonas hatte sich abgewendet und war die Treppe hochgeklettert und in die Krypta gerannt. Auf der Flucht war die Musik immer leiser geworden, während er sich rasch davongestohlen hatte …
Daran musste er denken, während er in der Dunkelheit des Luftschutzkellers – oder was immer das für eine Anlage war – verharrte und überlegte, ob er sich zurückziehen sollte. Aber die Versuchung, herauszufinden, was da vor ihm lag und die Verlockung der in Aussicht gestellten Summe von 300.000 Euro waren einfach zu groß!
Also folgte er der Musik und schob sich leise und in geduckter Haltung an den Wänden des Ganges entlang. Die Musik wurde immer lauter und war immer klarer zu hören.
Plötzlich sah er einen Lichtschein aus einem kleineren Loch an der Gangwand kommen. Sofort schoss ihm das Adrenalin durch die Adern und atemlos vor Spannung trat er näher und blickte vorsichtig durch das Loch in den Zeremonienraum, den er vorhin bereits gesehen hatte, als er hier heruntergekommen war. Und das in den Wiener Katakomben!
Als langjähriger Privatdetektiv, der unter anderem für einige offizielle Stellen recherchierte, war er ja so einige brenzlige Situationen gewöhnt! Aber dass er so tief in einer derart gefährlichen okkulten Sache drinsteckte, das war ihm trotz allem neu. Denn bisher war es noch nie um Okkultismus gegangen und in der Vergangenheit waren bei seinen Fällen auch noch nie Menschen in einem grünen Licht verschwunden.
Fasziniert beobachtete er durch das Loch in der Wand das geheimnisvolle Treffen der Ordensmitglieder. Dabei dachte er wieder zurück an sein Eindringen in die Krypta und das Buch, das er zuvor aus diesem Tempelraum entwendet hatte! Es hatte dort in einer verschlossenen Glas-Vitrine direkt neben anderen Schriften der Illuminaten gestanden, die allesamt nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren.
Und bei diesem Buch handelte es sich um den dritten Teil der Papyri Graecae Magicae, das er in Erfüllung seines Auftrages gestohlen hatte. Genau dieser Diebstahl war auch der ausschlaggebende Grund dafür, dass er nun so hartnäckig verfolgt wurde.
Er war sich ganz sicher gewesen, dass er allein und unbeobachtet war, als er die Glasvitrine eingeschlagen hatte. Doch kaum hatte er das Buch in Händen gehalten, war ein Wächter gekommen und hatte Alarm geschlagen. Nur seiner gewohnt schnellen Reaktion war es zu verdanken gewesen, dass er das Buch hastig in seine Umhängetasche stecken und fliehen konnte – mit den Verfolgern dicht auf den Fersen.
Die leiser werdende Zeremonienmusik lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf die Szene, die sich im Ritualraum abspielte. Schwer spürte er das Gewicht der Umhängetasche an seiner rechten Seite. Entsetzt beobachtet er, dass da drinnen jetzt offenbar ein Hund geschlachtet wurde!
Die Menschen in roten Umhängen standen im Kreis rund um einen Tisch – einen Opferaltar? – und sangen einen Text, den er nicht verstand. Latein vielleicht? Er wusste es nicht. Vor dem Tisch stand der Logenmeister. Der Gesang wurde immer rhythmischer und lauter und die Ordensmitglieder stachen dabei auf den Hund ein, um seine Lebensenergie in das Ritual einzubinden, als er schließlich tot war.
Das Blut des toten Tieres lief über die steinerne Tischplatte und bahnte sich seinen Weg durch die Rillen an der Seite des Tisches. Es sammelte sich schließlich und wurde in einem großen, mit Symbolen bestückten Gefäß gesammelt.
Danach widmete sich eines der Mitglieder einer nackten Frau neben dem Alter. Sie hatten rituellen Sex, während sie zeitgleich im Blut des Hundes badeten, das der Logenmeister gefordert hatte. Im Hintergrund sah er das obligatorische Kreuz der Kirche sowie ein metallisches Symbol, das er nicht kannte, an den Wänden.
„Kranke Bastarde“, flüsterte er vor sich hin, während sich der Duft einer stechenden Räuchermischung in seine Nase legte. Er starrte weiter durch die Öffnung und versuchte, alle Eindrücke in seinem Kopf abzuspeichern.
Nach einigen Minuten sah er, dass ein Mitglied an den Logenmeister herantrat und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Plötzlich warf dieser seinen längeren Dolch zu Seite, nahm die rote Kapuze vom Kopf und ging mit hastigen Schritten die Türe zu seiner Rechten aus dem Raum hinaus. Das Ritual wurde unterbrochen und die Mitglieder sahen sich fragend an und begannen sich flüsternd zu unterhalten. Jonas konnte erkennen, dass dieses Ritual abrupt und nicht geplant beendet wurde.
„War ich der Grund?“ Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn und er war nervös, weil er nicht wusste, womit er zu rechnen hatte. Schnell rannte er daher mit seinem verletzten Bein, so gut er konnte den Tunnel entlang in die Richtung, aus der er gekommen war.
Angekommen in dem Raum mit der Öffnung, wo er heruntergerutscht war, erkannte Jonas, dass ein Entkommen aus dieser unterirdischen Anlage nur mit Mühe erreichbar war. Es war möglich, aber nur deshalb, weil eine alte rostige Kette aus der Schachtwand hing. Jonas sah hoch, zog einmal an der Kette, um den Halt zu testen, und kroch anschließend mit einiger Anstrengung aus der Öffnung ins Freie hinaus.
Schwer atmend blickte er sich im Freien um und auch an sich hinunter. Seine Hose war blutverschmiert und zerrissen, sein Hemd verdreckt und total verschwitzt. „Soll ich so etwa auf die Straße?“ Aber viele Möglichkeiten blieben ihm nicht. Auch nicht viel Zeit, um zu überlegen. Also entschloss er sich, die Seitenstraße zu nehmen und verschwand humpelnd in die Dunkelheit, in der Hoffnung, von niemandem entdeckt zu werden.
3. Eine Welt, die es nicht geben dürfte
Wir standen plötzlich auf dieser felsigen Anhöhe mitten im Gebirge und wussten nicht, wo wir waren. In eisiger Kälte und mit gefrorenen Händen zitterten wir am ganzen Körper.
Als ich die Sonne betrachtete, die uns in dieser kalten Gebirgsluft ein wenig wärmte, wusste ich in diesem Moment um das Geschenk einer höheren Instanz, die uns beobachtete. Ich blickte mich nach dem Professor um und merkte, dass dieser einen Weg im Eis suchte.
„Claras, ich weiß nicht, ob wir hier einen Weg hinunter finden.“
Dann sah ich mich selbst ein wenig in der Umgebung um, konnte aber nur ein weißes Nichts erkennen. Ein paar Schritte weg vom Abhang, den Felsen entlang, waren nur Schnee und Eis, sonst rein gar nichts. Der Professor kam auf mich zu und schüttelte deprimiert den Kopf.
„Jürgen, ich denke wir sitzen fest. Hier führt kein Weg hinaus.“
Wir starrten uns beide mutlos an und ich verlor die Hoffnung auf Rettung. Der Wind pfiff uns um die Ohren und betäubte mein Gesicht. Sollte dies das Ende sein? Sollte dies unsere Bestimmung sein? Jetzt einfach zu sterben, in dieser eisigen Hölle zu erfrieren? Ich fiel auf meine Knie zu Boden und umklammerte meine Brust mit beiden Händen. Es war so kalt!
Als ich so im Schnee kniete und meine letzten Erlebnisse Revue passieren ließ, fiel mir ein, dass uns der Graf an diesen Ort gebracht hatte! Naja, er hatte uns kurz zuvor in der Halle der Zeit erklärt, dass diese uns an alle Orte bringen könne und in jede Zeit! Und dass wir genau dorthin kämen, wo unsere Seele oder unser Unterbewusstsein es wollten.
„Claras, erinnerst du dich an die Worte des Grafen?“
Der Professor sah mich fragend an.
„Welche Worte meinst du, Jürgen?“
„Der Graf hat uns doch gesagt, dass wir genau an diesen Ort kommen, der in unserem tiefsten Innern verankert ist! Er sagte mir, dass der Weg ein schmaler und gefährlicher sei! Also dabei geht es um unsere innere Einstellung. Um unsere Überzeugungen und Taten. Das, was wir sind, was uns ausmacht und was wir für tief verankerte Einstellungen haben. Genau diese Orte werden wir besuchen dürfen!“
„Du sagst, also, dass wir genau dorthin kommen, wo unser tiefstes Inneres liegt? So ungefähr?“
„Ja, ich denke schon mein Freund, das sagte er zumindest.“
Ich blickte nochmals in die Ferne der Berge und betrachtete den Schnee und das Eis, das uns zum Schicksal werden drohte. Bevor ich antwortete, überlegte ich kurz.
„Einsamkeit, Eis, Kälte und weite Ferne mit einem Geschenk des Himmels, das sich Sonne nennt. Sagen dir diese Stichworte etwas Claras?“
„Ja, darin befinden wir uns. Das ist doch offensichtlich.“
„Nein, das meine ich nicht. Ich meine dein Innerstes.“
Claras sah zu Boden und überlegte. Nach einigen Sekunden hob er den Kopf und sah mich an.
„Ja, Jürgen, ich weiß, was du meinst und ja, es sagt mir was.“
Er senkte seinen Kopf und setzte sich ebenfalls in den Schnee.
„Das ist es, mein Freund! Mir sagt es ebenso etwas. Die Kälte, die einsame Stille und die Ferne, die zu sehen ist. Auch das Geschenk der Wärme. Wir sollten dankbar sein und unsere Gedanken ändern.“
Der Professor sah mich an und wurde wütend.
„Verdammt noch mal, willst du jetzt meinen Psychotherapeuten spielen, Jürgen? Herrgottnochmal. Wir sitzen in der Falle! Wir sind praktisch tot! Kein Weg führt weg von hier und du erzählst mir was von einer inneren Einstellung.“
Ich sah den Professor an und konnte seine Wut natürlich verstehen, daher lenkte ich ein.
„Ich will nicht dein Therapeut sein. Ich sage ja nur das, was der Graf uns gesagt hat. Und vielleicht ist das einfach hilfreicher als im Schnee zu hocken, alles zu verdammen und den Kopf einzuziehen.“
Der Professor stand auf und geriet jetzt richtig in Rage.
„Sieh dich um, du verdammter Hund. Nichts! Nichts! Eis, Gebirge und der Tod warten auf uns. Ich hätte dir niemals in diesen Abgrund folgen dürfen. Ich hätte niemals auf dich hören dürfen. Ich hätte mich damals umbringen sollen, als ich bei dir war! Warum? Warum hast du die Rettung geholt, warum hast du mich leben lassen?“
Nach diesen laut gebrüllten zornigen Worten konnte ich beobachten, dass Claras kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand. Er war fertig mit der Welt.
„Claras, du hast deinen Sohn wieder gefunden. Du solltest kämpfen!“
Er kam auf mich zu, packte mich an der Jacke und sah mir hasserfüllt in die Augen.
„Was weißt du denn schon, verdammt noch mal? Was weißt du schon über mich? Ja, ich habe meinen Sohn gefunden, aber das macht nicht rückgängig was ich getan habe! Das macht nicht meine Taten rückgängig.
Und wenn wir schon von einem Geschenk reden: WO IST DEIN GOTT? Wo ist dein höheres Wesen? Soll ich dir was sagen, alter Freund? Lass mich in Ruhe! Und deinen Gott, den hat es nie gegeben und wird es nie geben. Er hat mir alles genommen und mich in Agartha in Versuchung geführt! Sollte das Gott sein? Dann scheiß ich drauf, verdammt noch mal. Wir werden hier sterben und das ohne Erleuchtung oder Gnade.“
Nach diesen Worten schubste er mich zur Seite und ging auf den Abgrund zu, der vor uns lag. Ich lag im Schnee, konnte meine Füße nur schwer bewegen, da die Kälte mir durch jede Zelle. Ich sah wie Claras am Abgrund stand und hinunter blickte.
„Nein Claras! Nein Claras! Tu das nicht! Verdammt noch mal. Ich weiß, wir haben noch einen gemeinsamen Weg zu gehen. Ich weiß nicht wohin, aber ich weiß es. Der Graf hat uns dies nicht alles umsonst gezeigt!“
Claras war ganz in Gedanken versunken, während er in den Abgrund starrte. War er ein Ausgestoßener? Ein Abtrünniger? Er wusste es nicht. Alles, was er wusste, war, dass er sich von diesem Leben irgendwie nicht angenommen fühlte. Er dachte an die Menschen, von denen er seit seinem Schicksalsschlag umgeben war. Hier war nicht der Platz, für den er bestimmt war, nein, hier gehörte er nicht hin! Soviel wusste er zumindest.
„Bin ich schuld daran, dass ich hier nicht willkommen bin? Was habe ich getan? Sind es meine Sünden, meine Taten, die mich in diese Situation gebracht haben? Es scheint so! Wäre ich doch nie nach Agartha gegangen.“
Er wurde bei diesen Gedanken richtig depressiv. Als er sich zu mir umdrehte, hatte er sich wieder gefasst und sprach ganz ruhig zu mir.
„Weißt du Jürgen, ich habe immer wieder die Beobachtung gemacht, dass die Leute in meiner Umgebung über alltägliche Dinge redeten und diskutierten. Sie lachten und hatten Spaß daran, aber ich saß derweil auf einem Stuhl und beobachtete sie und erkannte, dass sie sich nicht normal verhielten.
Denn jeder spielte nur eine Rolle, die der gesamten Gruppe Leben einhauchte. Es war einfach nur ein Schauspiel. Sie lachten zwar und hatten Spaß, aber das wollten sie überhaupt nicht. Sie handelten nur unter einem gewissen Gruppenzwang, gemäß der Gruppendynamik, die sie sich selbst erschaffen hatten.
Gruppenzwang, nichts weiter! Und daran konnte ich niemals teilnehmen! Denn meine Taten und der Tod meiner Familie hatten mich sonderbar werden lassen. Ich war dadurch sensibler geworden und konnte mich nicht mit solchen falschen Dingen beschäftigen. Und weißt du, was das Ergebnis davon war? Einsamkeit. Einsamkeit und die Taten, die ich nie vergessen werde.
Und jetzt frage ich dich, als meinen Freund: Was hat das alles denn noch für einen Sinn? Sag es mir! Und ja, du könntest sogar recht haben - vielleicht ist dies die Kälte, die uns gespiegelt wird und manifest geworden ist, als wir die Halle der Zeit verließen und hier gelandet sind. Ich weiß es nicht.“
Ich stand mühsam auf und stakste steif gefroren ein paar Schritte an Claras heran.
„Claras, jeder von uns hat Taten begangen, die er bereut. Der eine schlimmere, der andere weniger schlimme! Aber das ist das Leben mein Freund! Steh jetzt auf, sein dir deiner Taten bewusst und suche einen Weg, um sie auszugleichen. Ich weiß zwar nicht, wie, aber kämpfe darum, mein Freund. Kämpfe und siege.
Dann, wenn die Zeit gekommen ist, steh dir selbst oder einem Gott gegenüber und sage ihm oder dir selber, dass du gekämpft hast und nicht verloren hast. Sag ihm, dass du die Taten, die du begangen hast, verstanden hast und für sie gebüßt hast, indem du ein besserer Mensch geworden bist.“
Claras wendete sich vom Abgrund ab, kam auf mich zu und legte seinen Arm auf meine Schulter.
„Jürgen, ich weiß nicht, ob wir hier sterben. Ich weiß nicht, ob uns ein Gott oder ein höheres Wesen von hier abholt. Aber ich werde nicht durch meine eigene Hand sterben! Wenn es so sein soll, ich bin bereit! Aber bis dahin werde ich kämpfen!“
Dann plötzlich fiel ein riesiger Schneebrocken vom Bergabhang herab, der ca. zwanzig Meter rechts von uns liegen blieb. Wir erschraken kurz und ich drückte fest seinen Arm, bevor ich ihm versicherte:
„Claras, ich bin kein Christ. Aber wir kämpfen uns beide durch diese weiße Hölle. Wo auch immer uns dieser Kampf hinführt!“
Dann gingen wir entschlossen an diesen Bergabhang heran, was uns einige Anstrengung kostete, und blieben bei dem Schneebrocken stehen, der eben noch heruntergesaust war.
Als ich auf den Fels zu meiner Rechten starrte, sah ich einen kleinen Höhleneingang, der ins Innere des Berggipfels führte. Der herabgestürzte Schneebrocken und der Schnee, den er mit sich gerissen hatte, schienen den Eingang freigelegt zu haben. Jedenfalls hatte ich ihn zuvor nicht bemerkt. Aber das spielte auch keine Rolle.
Ich machte den Professor auf den Eingang aufmerksam und zeigte mit dem Finger in die Richtung. Er nickte und gemeinsam gingen wir darauf zu, voller Neugier, was uns dort wohl erwartete.
Als wir endlich die Höhle betraten, waren wir dem ewigen Eis und der kalten Gebirgsluft entkommen. Türkisblaue und weiße Höhlenwände, wie ich noch nie welche gesehen hatte, empfingen uns. Auch die Luft im Berg war wesentlich wärmer als draußen. Wir gingen immer tiefer in den Berg hinein, der unsere Seelen verschlang und bald waren wir in den Tiefen des Berges verschwunden.
Nachdem wir uns eine ganze Weile schweigend und konzentriert vorwärts bewegt hatten, kamen wir plötzlich in eine größere Grotte. Zu meinem Erstaunen musste ich feststellen, dass ich die Gegend kannte.
„Claras, ich kenne diese Gegend!“
Der Professor sah mich an und runzelte die Stirn.
„Claras, als ich in Rosenau bei dieser Pyramide war, bin ich in eine Art Trance gefallen und habe mich bei den Zwergen gesehen, die mir den Stein vermacht haben. Und es sah genauso aus wie hier!“
Der Professor sah sich um und schüttelte den Kopf.
„Ich kann es nicht fassen, aber nach all den Erlebnissen muss ich dir wohl glauben, oder?“
Ich ging an die mir schon bekannte Stelle im Zentrum dieser Grotte und sah mich um. Plötzlich hörte ich eine Stimme, die von den Grottenwänden zurückgeworfen wurde.
„Wir haben dich erwartet, Jürgen!“
Ich zuckte zusammen und drehte mich rasch einmal im Kreis, um festzustellen, wer da mit mir gesprochen hatte, konnte jedoch niemanden sehen. Dann trat überraschend ein älterer Mann hinter einer Steinsäule hervor.
„So lange ist es gar nicht her, mein Freund“, lächelte das mir nur zu gut bekannte Gesicht zu.
„Chalse? Bist du das?“ Ich konnte es nicht fassen.
„Ja mein Freund!“, strahlte mich Chalse Frizker an und trat näher an uns heran. Der Professor kam ebenfalls neugierig näher und starrte ungläubig auf diesen älteren Mann, der in Stofffetzen gekleidet war.
„Chalse? Wo ist mein Sohn Antonio?“, wollte der Professor wissen, doch Frizker winkte ab. „Antonio hat seine Aufgaben!“
Obwohl ich mich freute, ihn zu sehen, war ich dennoch ein wenig verwirrt. Ich hoffte auf eine Erklärung.
„Wo sind wir hier, Chalse? Was sollen wir hier? Wir waren vorhin doch noch in der Halle der Zeit?“
„Ja, aber das hatte ich euch ja gesagt. Die Halle befördert euch genau an den Ort, der in Übereinstimmung mit eurem tiefsten Inneren steht. In eurem Fall war dies nun das eisige Orikongebirge in einer Welt, die ihr noch nicht ganz verstehen könnt!“
Verblüfft sahen der Professor und ich uns an und konnte nicht glauben, was der Graf uns eben erzählte. Wir sollten doch tatsächlich in einer anderen Dimensions- und Zeitlinie sein! Der Graf trat einen Schritt auf den Professor zu und legte ihm wie gewohnt seine Hand auf die rechte Schulter.
„Claras, Antonio bat mich, dir zu sagen, dass du nach Simbola gehen solltest!“
„Was ist Simbola, bitte?“
„Das Zentrum der Nibelungen, mein Freund! Du hattest es schon erblickt. Jedoch in einer parallelen, anderen und dunklen Existenz!“
Der Professor starrte mich fragend an und schüttelte kurz seinen Kopf.
„Was meinst du mit einer anderen und dunklen Existenz?“
„Du hast damals das Land der Nibelungen gesehen, das du sehen wolltest, aber nicht das, was es wirklich ist. Erinnerst du dich?“
Claras überlegte einige Sekunden, ließ seinen Blick schweifen und erwiderte:
„Ja ich erinnere mich. Technologien! Dexer sah sie ebenfalls, nicht wahr? Nur, was meinst du mit Nibelungen?“
„Genau, Claras. Dexer sah sie ebenfalls! Was die Nibelungen angeht, da ist die Erklärung etwas schwieriger. Ihr werdet eure Antworten darauf zu gegebener Zeit finden.“
Offenbar kamen wir mit den Nibelungen nicht weiter, also unterbrach ich die beiden und bedrängte den Grafen stattdessen mit anderen Fragen, in der Hoffnung, wenigstens auf andere Dinge ein paar rasche Antworten zu finden.
„Diese Grotte, Chalse, warum diese Grotte? Ich habe hier den schwarz-violetten Stein von einem Zwerg erhalten.“
Der Graf schmunzelte auf die ihm so eigene Art und Weise und erklärte mir dann ausführlich die Zusammenhänge zwischen der Grotte und den Zwergen.
Er erklärte mir, dass diese Grotte, in der wir uns momentan befanden, die Grotte der Schätze genannt wird. Zwerge, Kobolde und manch andere Wesenheiten leben hier in dieser Grotte in einer Art Parallelexistenz der Welt, wie wir sie kennen. Sie beschützen die inneren Eingänge zu diesem Nibelungenland und geben den Menschen eine Art Zutrittskarte zu diesem Reich.
Nicht immer jedoch passieren die Menschen diese oder andere Grotten, wie zum Beispiel auch am Untersberg, dem Herzchakra der Welt. Manchmal gehen sie nämlich direkt in die dunkle Welt der Nibelungen und der hoch entwickelten Technologien jener Welt, die auch Claras und Dexer gesehen hatten – in die Welt, die den Namen Nibelungen trägt. Ich sah den Grafen erstaunt an.
„War auch die Geisterhöhle ein Zugang zu solch einer Grotte?“
„Ja, das war und ist sie! Nur der Zugang wird nicht jedem geöffnet!“
Ich erinnerte mich an den beweglichen Felsen bei der Grasslhöhle und nickte verständnisvoll, aber mit weiteren einhundert Fragen im Hinterkopf.
„Jürgen, du wirst all deine Antworten bald finden! Das verspreche ich dir! Ihr habt damals einen Weg eingeschlagen, den ihr nun weitergehen müsst. Ihr habt hier und jetzt die Wahl! Die Wahl, eure Entscheidung zu fällen. Doch bedenkt eines: Der Strahl zur schwarzen Sonne wurde durch euch aktiviert, hierzu wurdet ihr sowie auch andere auf der ganzen Welt bestimmt. Es ist jedoch noch nicht vollendet, nein, denn die Höllentore wurden noch nicht geöffnet! Entscheidet jetzt, wie ihr weitergehen wollt!“
Der Professor unterbrach den Grafen ungeduldig in seiner Erklärung. „Was müssen wir tun?“
„Claras, ihr müsst euch entscheiden. Geht ihr den Weg weiter oder geht ihr wieder ohne jegliche Erinnerung zurück in euer altes Leben?“
Der Professor und ich sahen uns fragend und ungeduldig an. Ich selber wusste, dass dies keine leichte Entscheidung sein würde. Nein, denn wenn wir den Weg weiter gingen, würden wir mit Sicherheit jegliche Bindung zu unseren Mitmenschen verlieren. Mit diesen ängstlichen Gedanken suchte ich beim Grafen nach weiteren Antworten.
„Chalse, bitte begleite uns. Was ist ...?“