Der goldne Topf von E.T.A. Hoffmann: Reclam Lektüreschlüssel XL - читать онлайн бесплатно, автор Martin Neubauer, ЛитПортал
Der goldne Topf von E.T.A. Hoffmann: Reclam Lektüreschlüssel XL
Добавить В библиотеку
Оценить:

Рейтинг: 4

Поделиться
Купить и скачать

Der goldne Topf von E.T.A. Hoffmann: Reclam Lektüreschlüssel XL

На страницу:
1 из 2
Настройки чтения
Размер шрифта
Высота строк
Поля

E. T. A. Hoffmann

Der goldne Topf

Lektüreschlüssel XL

für Schülerinnen und Schüler

Von Martin Neubauer

Reclam

Dieser Lektüreschlüssel bezieht sich auf folgende Textausgabe:

E. T. A. Hoffmann: Der goldne Topf. Hrsg. von Heike Wirthwein. Stuttgart: Reclam, 2016 [u. ö.]. (Reclam XL. Text und Kontext, 19233.)

Diese Ausgabe des Werktextes ist seiten- und zeilengleich mit der in Reclams Universal-Bibliothek Nr. 101.

E-Book-Ausgaben finden Sie auf unserer Website

unter www.reclam.de/e-book

2., durchgesehene Ausgabe

Lektüreschlüssel XL | Nr. 15470

2017 Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2019

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN 978-3-15-961784-8

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-015470-0

www.reclam.de

1. Schnelleinstieg



Abb. 1: Umspringbild: Salvador Dalí, Studie zum Sklaven- markt. – © Salvador Dalí. Fundació Gala – Salvador Dalí / VG Bild-Kunst, Bonn 2017.

Mit Vexier- oder Umspringbildern kann man in der Psychologie die Eigenarten des Gesichtssinns bei der Erfassung der Umwelt demonstrieren. Ein und dasselbe Bild erscheint einem einmal als Vase, das andere Mal als zwei einander zugewandte Gesichtsprofile – doch nie kann man beide Darstellungen zusammen wahrnehmen. Auch in die bildende Kunst haben solche optischen Täuschungen Eingang gefunden, etwa beim katalanischen Surrealisten Salvador Dalí: In der hier abgebildeten Studie erscheint der Durchgang zu einem orientalischen Sklavenmarkt auf einmal als Büste des französischen Philosophen Voltaire.

Ebenso ist E. T. A. Hoffmanns 1814 veröffentlichtes Märchen Der goldne Topf ein Der goldne Topf, ein literarisches UmspringbildUmspringbild, freilich ein literarisches, denn man kann es auf mehrerlei Art lesen. »Ein Märchen aus der neuen Zeit« verkündet der Untertitel, und als solches weist sich die Erzählung schon durch ihren Inhalt aus: Von einem Magier wird da berichtet und von seiner Feindin, einer Hexe; von Verwünschungen, wunderbaren Verwandlungen und Verzauberungen ist die Rede, von Salamandern und Erdgeistern, von verführerischen Schlangen und einem sprechenden Türklopfer, einem Zaubergarten und natürlich von einem goldenen Topf. Und am Schluss löst sich alles in einem Happy End auf, wie es sich für ein Märchen eben gehört.

Oder doch nicht? Muss man die ganze Geschichte wirklich ernst nehmen? Ist das, was den Figuren widerfahren ist, in Wirklichkeit nur Einbildung gewesen? Hat es sich bei all dem Wunderbaren in Wahrheit nur um Sinnestrug gehandelt? Hoffmanns Märchen spielt nicht im unbestimmten Irgendwo, sondern im zeitgenössischen Dresden, in einer aufgeklärten Zeit, die das Phantastische mit der Hilfe des Verstandes zu entzaubern versucht, in der die Welt von der Vernunft her gedeutet wird.

Alles ist logisch erklärbar – und auch wiederum nicht. Und so bleibt am Ende die Frage offen, was man eigentlich gelesen hat: tatsächlich ein Märchen oder die Geschichte eines Menschen, der sich in einem Märchen wähnt. Das Irritierende daran ist, dass der Autor Hoffmann darauf keine eindeutige Antwort gibt, vielmehr alles in der Schwebe lässt. Der Text bleibt offen für mehrere Lesarten – so wie ein Umspringbild nicht nur ein einziges Bild in sich vereinigt.

All das lässt vielleicht eine schwer verständliche Geschichte vermuten. Tatsächlich hat Der goldne Topf bis heute zahlreiche Interpreten zu Vielschichtigkeitunterschiedlichsten Stellungnahmen angeregt – doch sollte man sich davon als Leser nicht einschüchtern lassen: So wie ein Vexierbild vergnüglich anzusehen ist, so ist auch Hoffmanns Märchen dank seiner sprühenden Einfälle und der darin waltenden Ironie bis heute eine lohnende, unterhaltsame Lektüre geblieben – nicht trotz, sondern eben wegen seiner Vielschichtigkeit.

2. Inhaltsangabe

Erste Vigilie: Der Student Anselmus ist ein rechter Tollpatsch und Pechvogel, stolpert er doch vor dem Schwarzen Tor in Dresden aus lauter Ungeschicklichkeit in den Äpfel- und Kuchenkorb eines alten Marktweibes. Das ruft dem Davoneilenden seltsame Worte nach: »Ja renne – renne nur zu, Satanskind – ins Kristall bald dein Fall – ins Kristall!« (S. 5).

Anselmus zieht sich an eine abgeschiedene Stelle nahe der Elbe zurück, wo er, unter einem Holunderbaum Pfeife rauchend, seine bisher durchlittenen Unglücksfälle Revue passieren lässt und unerfüllbaren Karriereträumen nachhängt. Anselmus begegnet SerpentinaPlötzlich geschieht etwas Wunderbares: Er vernimmt in der Einsamkeit liebliche Klänge und geheimnisvolle Worte, und im Baum erspäht er drei kleine grüngoldene Schlangen. Eine davon fesselt ihn mit ihrem zutiefst irritierenden, hypnotischen Blick. Mit dem Untergang der Sonne lässt eine raue Stimme aus der Ferne den zauberischen Spuk jäh verschwinden.

Zweite Vigilie: Anselmus, von einer promenierenden Bürgerfamilie dabei überrascht, wie er gerade mit dem Holunderbaum spricht, ergreift peinlich berührt die Flucht und Anselmus begegnet Veronika Paulmanntrifft zufällig auf den mit ihm befreundeten Konrektor Paulmann, der in Begleitung seiner beiden Töchter sowie des Registrators Heerbrand am Elbufer unterwegs ist. Gemeinsam setzt man über den Fluss, da glaubt Anselmus, im Widerschein eines nächtlichen Feuerwerks die goldenen Schlänglein im Wasser zu erkennen, und geht vor Aufregung fast über Bord. Das seltsame Verhalten des Studenten liefert der kleinen Gruppe Gesprächsstoff über die rationale Erklärung von Wachträumen.

Der Einladung ins paulmannsche Haus Folge leistend, begleitet Anselmus die ältere Tochter des Hausherrn, die hübsche Veronika, auf dem Klavier. Der Konrektor und der Registrator machen Anselmus das Angebot, beim Archivar Lindhorst, einem alten, verschrobenen Gelehrten, Manuskripte zu kopieren.

Es scheint, als sei die Unglücksserie unterbrochen. Doch als sich der Student am folgenden Mittag bei seinem neuen Brotherrn vorstellen möchte, bemerkt er mit Entsetzen, dass sich der Klopfer an dessen Haustür vor seinen Augen in die Fratze des alten Äpfelweibs und die Klingelschnur in eine Würgeschlange verwandelt. Anselmus verliert das Bewusstsein und erwacht zu Hause in Gegenwart seines besorgten Gönners Paulmann.

Dritte Vigilie: Im Laufe des Kapitels erfährt man, wie sich der Vorfall aus der Sicht des Konrektors zugetragen hat. Ein altes Äpfelweib habe sich bereits um den besinnungslosen Anselmus begegnet dem ArchivariusAnselmus gekümmert, als ihn der zufällig vorbeikommende Paulmann vor dem Haus des Archivars vorfand. Der Konrektor und der Registrator beschließen, für den Abend in einem Kaffeehaus ein Treffen zwischen dem Studenten und dem Archivar Lindhorst zu arrangieren.

Dieser entpuppt sich als recht seltsamer Zeitgenosse, der mit seinen märchenhaften, aber ernst gemeinten Geschichten über seine Familie die versammelte Runde unfreiwillig in ungläubige Heiterkeit versetzt: So sei er selbst niemand anderer als ein Abkömmling einer königlichen Feuerlilie, der sich am Totenbett seines Vaters vor 385 Jahren mit seinem Bruder zerstritten habe, welcher bis heute in Gestalt eines Drachens in der Gegend von Tunis über einen geheimnisvollen Edelstein wacht. Trotz des merkwürdigen Eindrucks, den Lindhorst nicht nur deswegen auf ihn macht, beschließt Anselmus, tags darauf bei ihm unter allen Umständen vorstellig zu werden.

Vierte Vigilie: Melancholie und brennender Anselmus’ LiebeskummerLiebesschmerz zerreißen Anselmus zu sehr das Herz, als dass er ohne weiteres seine Stelle als Kopist antreten könnte. Stattdessen streift er in der Zeit um Sonnenuntergang regelmäßig in der Gegend des Holunderbaumes herum und vergeht vor Sehnsucht nach dem Schlänglein mit den blauen Augen.

Eines Abends wird er von derselben Stimme erschreckt, die seine schicksalhafte Begegnung so plötzlich hat enden lassen. Niemand anderer als Lindhorst ist es, der Anselmus überrascht und sich von ihm seine bisherigen Abenteuer erzählen lässt. Der Archivar zeigt sich über das, was ihm Anselmus berichtet, allerdings wohlinformiert, stellt er sich bei ihm doch als Vater der drei bezaubernden Schlänglein vor, deren eine – Serpentina mit Namen – es dem Studenten so angetan hat. Zu dessen Entzücken lässt er seine Töchter mithilfe seines magischen Ringes erscheinen und gibt, bevor er sich von Anselmus verabschiedet, ihm noch eine Essenz mit auf den Weg, die ihn gegen die Hexereien des bösen Äpfelweibs schützen soll.

Fünfte Vigilie: Zukunftsspekulationen und Zukunftshoffnungen stehen im Mittelpunkt dieses Kapitels.

Zunächst äußert sich Registrator Heerbrand voll Lob über Anselmus, dem er eine erfolgreiche Beamtenlaufbahn verheißt. Das führt dazu, dass Veronika sehnsuchtsvoll von einem bürgerlichen Idyll an seiner Seite träumt.

Die Träumereien werden jedoch zunächst von Anselmus selbst gestört, schließlich von einer spukhaften Erscheinung, die Veronikas LiebeskummerVeronikas Hoffnungen verhöhnt und nur von ihr, nicht aber von ihrer Schwester wahrgenommen werden kann. Entsprechend verunsichert, wird Veronika von zwei zu Besuch kommenden Freundinnen vorgefunden. Eine berichtet von einer Weissagung, mit der sie sich von einer alten Frau Beruhigung über das Schicksal ihres Geliebten geholt hat, der im Krieg verschollen ist.

Veronika will ebenfalls einen Blick in die Zukunft riskieren und eilt noch am selben Abend in die unheimliche Behausung der Alten, die sich zunächst als das Äpfelweib, dann als die alte Liese, die frühere Wärterin bei Paulmanns, herausstellt. Sie verspricht dem Mädchen, Anselmus dem Einflussbereich des ihr verhassten Lindhorst und der grünen Schlange zu entziehen.

Sechste Vigilie: Anselmus findet sich zum neuerlichen Dienstantritt vor dem Im Haus des ArchivariusHaus des Archivarius ein. Dank dessen magischer Flüssigkeit macht ihm der dämonische Türknauf diesmal keine Schwierigkeiten, und so kann der junge Student schon bald staunend durch die üppig eingerichteten Gemächer spazieren. Seine Sinne scheinen sich dabei auf recht wunderliche Art zu verwirren: Weshalb nimmt er das Studierzimmer zunächst als prunkvollen, exotischen Saal wahr? Warum kommt ihm seine eigene Schrift auf der Kopie eines Manuskripts aufs Erste elegant und gelungen vor, auf den zweiten Blick aber ziemlich elend? Warum erscheint ihm Lindhorst zunächst als Feuerlilienbusch, dann wieder als Geisterfürst mit goldenem Reif und Königsmantel – oder handelt es sich dabei doch nur um einen Schlafrock aus Damast? Auch die Worte des Archivarius sind geheimnisvoll: Anselmus werde sein Glück nur nach läuterndem Kampf erreichen. Der goldene Topf, der in der Mitte der Bibliothek steht und in dessen Spiegelungen der Student seine Geliebte wiederzuerkennen meint, ist dabei als Mitgift ausgesetzt.

Siebente Vigilie: Wie mit der alten Liese vereinbart, bricht Veronika des Nachts auf, um an einem Kreuzweg an einer geheimnisvollen Beschwörung teilzunehmen, die ihr Anselmus’ Liebe sichern soll. Veronika und der Hexenspuk der AltenDas furchterregende magische Spektakel, das die Alte bei schauerlichem Wetter inszeniert, raubt dem Mädchen fast den Verstand, und als eine unheimliche Erscheinung aus den Lüften dem Treiben plötzlich ein Ende setzt, fällt Veronika in Ohnmacht. Sie erwacht in ihrem Zimmer, unsicher, ob sie Opfer eines fiebrigen Traums geworden sei. Das spiegelnde Metallmedaillon, das die Hexe am Kreuzweg gegossen hat, lässt Anselmus’ Gestalt im Zimmer des Mädchens erscheinen – oder handelt es sich wieder um eine Fiebervision?

Achte Vigilie: Anselmus hat sich durch seine gewissenhafte Tätigkeit Lindhorsts Wohlwollen erworben, so dass er mit der Kopie eines heiklen Manuskripts betraut wird, das auf keinen Fall beschädigt werden darf. Die Lebensgeschichte des ArchivariusWährend der Arbeit erscheint ihm Serpentina und erzählt die märchenhafte Geschichte ihres Vaters: Eigentlich sei er ein Salamander, ein Feuergeist, der – trotz Warnung des Geisterfürsten Phosphorus – in dessen Garten eine verführerische Schlange umarmt habe. Daraufhin sei er verstoßen worden und habe fortan im kleinlichen irdischen Alltag sein Dasein zu fristen, solange die Verheiratung seiner drei Töchter mit drei Jünglingen noch ausstehe, die jeweils ein »kindliches poetisches Gemüt« (S. 70) auszeichnen müsse. Allerdings werde die Erlösung von bösen Kräften wie dem dämonischen Äpfelweib hintertrieben, die mit allen Mitteln des goldenen Topfes habhaft werden möchten.

Als Serpentina verschwindet, ist auch die Kopierarbeit fertiggestellt. Einem geselligen Beisammensein mit Lindhorst, dem sich auch der Registrator anschließt, steht somit nichts mehr im Wege.

Neunte Vigilie: Dieses Kapitel zeigt Anselmus auf dem Höhepunkt seiner inneren Zerrissenheit: einerseits fühlt er sich zur grünen Schlange hingezogen, andererseits geht ihm die liebenswürdige Veronika nicht aus dem Kopf.

Ob Zufall oder geheimer Anselmus’ VerzauberungZauber der alten Hexe, jedenfalls endet der Spaziergang, der den jungen Studenten von seiner Liebesqual ablenken soll, im Haus der Familie Paulmann. Mit dem Blick in Veronikas Metallspiegel kommen Anselmus die phantastischen Erlebnisse plötzlich als lächerliche Einbildung vor. Er lässt sich gegenüber Veronika sogar zu einem Heiratsversprechen hinreißen und versäumt darüber seinen Dienst beim Archivarius, doch die Punschlaune verhilft wieder seiner Traumwelt zum Durchbruch. Anselmus’ wirre Reden münden in einem allgemeinen Tumult, der von der Ankunft eines grauen Männleins unterbrochen wird: Es ermahnt den Studenten, nächstens pünktlich bei Lindhorst zu erscheinen. Wie wahnsinnig flüchtet Anselmus heim, allein das Bild Veronikas vermag sein Gemüt zu beruhigen.

Als er Lindhorst den folgenden Mittag wieder seinen Besuch macht, haben Garten und Zimmer ihr Wunderbares verloren. Allein die Reden des Archivarius bleiben sonderbar, und als Anselmus beim Kopieren das kostbare Manuskript, das ihm Lindhorst warnend übergeben hat, mit einem Tintenklecks verunstaltet, verwandelt sich die Bibliothek in eine von allerlei unheimlichem Getier bewohnte Wunderwelt, bereit, den Tollpatsch für sein Missgeschick zu bestrafen. Anselmus verliert das Bewusstsein und findet sich eingeschlossen in einer Kristallflasche wieder: Das, was die Alte zu Beginn der Geschichte prophezeit hat, ist eingetreten.

Zehnte Vigilie: Der gefangene Anselmus beklagt sein Schicksal. Er erblickt Leidensgenossen, die wie er in einer Flasche eingesperrt sind, doch wird wieder nicht klar, ob das Phantastische Wirklichkeit oder bloß Einbildung ist. Anselmus’ ErlösungSerpentinas Anwesenheit, die der Gefangene fühlt, macht seine Lage erträglicher. Die Alte taucht auf: Sie will Anselmus befreien, damit er als Hofrat Veronika das Jawort geben kann – für den Eingeschlossenen ein Horrorgedanke, interpretiert er seine Gefangenschaft doch als Strafe dafür, dass er Serpentina und ihrer Sphäre kurzfristig abtrünnig geworden ist. In einem magischen Duell kann der Archivarius gerade noch verhindern, dass die Hexe den goldenen Topf entführt, und vernichtet sie und ihren Kater, unterstützt von seinem grauen Papagei. Anselmus, wieder für die Geisterwelt gewonnen, wird aus dem Glas befreit und seiner Serpentina zugeführt.

Eilfte Vigilie: Als Konrektor Paulmann am Morgen nach dem Punschgelage sein verwüstetes Zimmer betrachtet, ist er im wahrsten Sinne des Wortes ernüchtert: War der Alkohol am entfesselten nächtlichen Treiben schuld? Oder hat man sich vom Wahnsinn des Anselmus anstecken lassen?

Einige Monate später hält Heerbrand, mittlerweile zum Hofrat aufgestiegen, erfolgreich um Veronikas Hand an. Veronikas Träume erfüllen sichMit ihrer Beichte, wie sie mithilfe des Übernatürlichen versucht habe, den inzwischen unauffindbaren Anselmus für sich zu gewinnen, schließt sie ein Kapitel ihres Lebens ab und erfreut sich von nun an eines geachteten Daseins im bürgerlichen Wohlstand.

Zwölfte Vigilie: Um den letzten Abschnitt seiner Geschichte vollenden zu können, wird der Erzähler von Lindhorst in dessen Haus geladen. Anselmus findet sein GlückDort erblickt er in einer Vision Anselmus, der im Zauberreich Atlantis an der Seite Serpentinas ein Leben voll unaussprechlicher Seligkeit führt. Der Erzähler, somit zum Teil seiner eigenen Erzählung geworden, ist angesichts solch grenzenloser Wonnen bekümmert darüber, wieder ins trostlose Alltagsleben zurückkehren zu müssen, doch der Archivarius tröstet ihn: Das Glück, das Anselmus gefunden habe, sei »das Leben in der Poesie« (S. 102).

3. Figuren


Abb. 2: Die Figurenkonstellation

Anselmus: Phantasiemensch in der Isolation

Anselmus’ Fähigkeiten und Neigungen disponieren ihn zum PhantasiemenschRomantiker: Der Tagtraum (vgl. S. 29) und die Natur (vgl. S. 29) sind ihm Zuflucht, das Gefühl der Sehnsucht beherrscht sein Leben, und nicht zuletzt ist es seine naive Natur, dank deren er fähig ist, das Böse zu bannen (vgl. S. 71) – die Grundvoraussetzung, um überhaupt als Bräutigam für die Magierstochter infrage zu kommen. Dass er zudem noch eine künstlerische Ader hat, die er bei geselliger Hausmusik unter Beweis stellt (vgl. S. 18) oder als kalligraphisches Talent, gepaart mit Geschicklichkeit (vgl. S. 52) und »angestrengter Aufmerksamkeit« (S. 52), lässt ihn auch in bürgerlichen Kreisen als gesellschaftsfähig erscheinen.

Um diese Integration ist es allerdings nicht besonders gut bestellt – das zeigt allein schon die Art, wie die Hauptgestalt in die Handlung Erster Eindruckeingeführt wird. Anselmus ist nämlich ein notorischer Unglücksrabe, den der Erzähler bereits im ersten Satz unbeholfen in einen Marktkorb hineinstolpern lässt. Davon überzeugt, das Pech magisch anzuziehen, ist der Student im gesellschaftlichen Umgang unsicher geworden (vgl. S. 8), wovon sein überholter Modegeschmack indirekt Zeugnis ablegt (vgl. S. 6).

All das lässt Anselmus als einen Verwandten des aus dem Volksmärchen vertrauten Dummlings erscheinen, der, tölpelhaft, aber dabei gutherzig, am Ende durch glückliche Fügungen belohnt wird. Anselmus und die Helden des VolksmärchensMit dem Helden des Volksmärchens teilt Anselmus auch das Gefühl des Mangels und der Unzufriedenheit zu Anfang; und wie er ist auch Anselmus eine sozial weitgehend isolierte Figur: ohne verwandtschaftliche Beziehungen, ohne bemerkenswerten Freundeskreis, als Student noch nicht erwerbstätig. Speziell Studenten sind bei Hoffmann immer instabile Gestalten, unfertig in ihrer Reifung und prädestiniert dazu, Schulbeispiele für Wirklichkeitsverwirrung abzugeben, im Goldnen Topf ebenso wie im Sandmann. Anders als die Figuren im Volksmärchen verfügen Anselmus und die anderen Gestalten des Goldnen Topfs sehr wohl über ein charakterliches Profil, über ein psychologisch differenziertes Innenleben.

Anselmus ist also ein SonderlingNichtangepasster, ein Sonderling – und entspricht damit einem Leittypus der späten Romantik, in dem der Konflikt zwischen subjektiver Innerlichkeit und objektiver Wirklichkeit zum Ausdruck gebracht wird. Beide Wirklichkeiten spielt Hoffmann gegeneinander aus, wobei die Märchenwelt als Ort der Glücksverheißung positiver bewertet wird. Gegenpol zur Innenschau ist die schale Realität der heimeligen, aber glanzlosen Bürgerlichkeit. Im Goldnen Topf kann diese Kluft auch nicht überwunden werden, anders als in der Frühromantik, der solch ein dualistisches Denken weitgehend fremd ist, weil sich die wirkliche Welt einem radikalen Subjektivismus unterordnen muss.1

Aus der Perspektive der Anselmus aus der BürgersichtPhilister, jener spießbürgerlichen Krämerseelen also, ist es im Falle des Studenten Anselmus vom lebensuntauglichen Sonderling zum Psychopathen nur ein Schritt. Denn einem kleinkarierten Biedermann, der seine Befriedigung in den schlichten Freuden des Alltags findet, muss die umfassendere Sicht auf die Welt, wie sie Anselmus möglich ist, abartig und krankhaft vorkommen.

Schon die zufällig vorbeiflanierende Bürgersfrau hält ihn in der zweiten Vigilie »wohl nicht recht bei Troste« (S. 12), als sie ihn dabei beobachtet, wie er den Holunderbaum umhalst und mit ihm redet. Auch sein sonderbares Verhalten bei der Überquerung der Elbe trägt dazu bei, dass er »für betrunken oder wahnwitzig gehalten« (S. 16) wird. Immer mehr weicht er von der bürgerlichen Norm ab, obwohl er über solide Voraussetzungen verfügt, um es in der Beamtenhierarchie zu etwas zu bringen. Er entfremdet sich seinen Freunden und Bekannten: »Alles das Seltsame und Wundervolle, welches dem Studenten Anselmus täglich begegnet war, hatte ihn ganz dem gewöhnlichen Leben entrückt« (S. 73), heißt es am Beginn der neunten Vigilie. Schließlich wird er als Bedrohung für seine Umgebung gesehen, die er mit seinem Wahnsinn infizieren könnte (vgl. S. 91). Somit löst sein Verschwinden am Ende auch keine Betroffenheit in seinem Bekanntenkreis aus.

Die Gleichgültigkeit und das Unverständnis, das die BanausentumSpießbürger für den Phantasiemenschen Anselmus zeigen, ist Ausdruck einer allgemeinen Ignoranz, die der Philister der Kunst entgegenbringt und die ihn daran hindert, sich dadurch weitere Dimensionen des Lebens zu erschließen – so wie die Schüler und Praktikanten, die den gefangenen Anselmus verlachen: »[S]ie wissen nicht was Freiheit und Leben in Glauben und Liebe ist« (S. 84).

Die Geschichte des Anselmus beschreibt den Weg eines Künstlers, der sich immer mehr von der Gesellschaft entfernt. Eine zentrale symbolische Rolle in dieser Entwicklung übernehmen die Hieroglyphen, die er beim Archivar abzuschreiben hat. Wege zur PoesieZuerst steht er den seltsamen Zeichen fremd, mutlos und ohne tiefere Einsicht gegenüber (vgl. S. 65). Vom bloßen Kopieren aber entwickelt sich übers Verstehen bis hin zum Gestalten ein Aneignungsprozess, der das Reifen zum Schöpferischen reflektiert. Anselmus’ wachsende Vertrautheit mit den unbekannten Schriftzeichen markiert den Weg zum produktiven Schreiben, damit also zum Poeten und Dichter.2

Veronika und die Liebe: Verführung und Erlösung

So wie Anselmus kommt auch Veronika und das WunderbareVeronika mit dem Wunderbaren in Berührung. Allerdings sind ihre Exzentrizitäten für ihre Umwelt zunächst nicht weiter auffällig, ist man derlei Überspanntheiten von Romanleserinnen seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert ja gewohnt (vgl. S. 39). Während Anselmus entfremdet von der diesseitigen Welt endet, kann sich Veronika von der Macht des Phantastischen durch einen fast schon rituell anmutenden Akt losreißen, indem sie anordnet, die Fragmente des Zauberspiegels mögen in die Elbe geworfen werden (vgl. S. 94).

Veronika ist eine rundum sympathische Veronikas ÄußeresErscheinung. Im Laufe der Erzählung wird auch nicht mit der Beschreibung ihrer Vorzüge gespart: Sie sei »ein recht hübsches blühendes Mädchen von sechszehn Jahren« (S. 16), heißt es gleich zu Beginn der Geschichte, ja »die Heiterkeit, die Anmut selbst« (S. 74); ihre »recht schöne[n] dunkelblaue[n] Augen« (S. 16) und ihre »Stimme, wie eine Kristallglocke« (S. 17) erregen die Aufmerksamkeit der jungen Männer um sie.

Liest man den Goldnen Topf als Märchen, so gewinnt Veronikas vorerst so positiv anmutende Gestalt etwas andere Konturen. Veronika als Teil der PhilisterweltImmerhin ist sie Teil der Philisterwelt, in deren engen Grenzen sie ihr Glück sucht. Zwar ist sie eine Träumernatur wie Anselmus, doch kreisen ihre Wünsche bloß um Ehering und Amtstitel – verhältnismäßig dürftige Ziele für jemanden wie ihren Geliebten, der teilhaftig werden darf an der Welt der Elementargeister und des Übernatürlichen. Veronikas kleinbürgerlicher Horizont ist zu eng gezogen – sie ist heillos mit dem überfordert, was da an Phantasie und Poesie über sie hereinbricht. Und so überlässt sie sich den magischen Künsten der alten Hexe, der Rauerin, in der Hoffnung, dass für Anselmus doch noch die bürgerlichen Glücksvorstellungen maßgeblich werden könnten.

На страницу:
1 из 2