
Philosophisches Taschenwörterbuch
Die Ereignisse auf dieser Welt haben einen Stammbaum. So ist es unbestreitbar, dass die Einwohner von Gallien und die von Spanien von Gomer abstammen; und die Russen von Magog, seinem jüngeren Bruder: Man findet diese Genealogie in so vielen dicken Büchern!* Von daher kann man nicht leugnen, dass wir Magog die sechzigtausend Russen verdanken, die heute in der Nähe von Pommern in Waffen stehen, und die sechzigtausend Franzosen, die sich in der Nähe von Frankfurt aufhalten. Ich sehe aber nicht ein, weshalb es Einfluss auf den Entschluss der Kaiserin Elisabeth von Russland gehabt haben soll, Maria-Theresia, der Kaiserin des Römischen Reiches, eine Armee zu Hilfe zu schicken, dass Magog rechts oder links vom Kaukasus ins Wasser gespuckt hat, zwei oder drei Runden in einem Brunnen gelaufen ist und auf der linken oder rechten Seite geschlafen hat. Ob nun mein Hund, wenn er schläft, träumt oder nicht, ich kann nicht die Beziehung entdecken, die diese wichtige Geschichte zu der des Großmoguls haben könnte.
Man muss bedenken, dass in der Natur nicht alles aus festen Körpern besteht und dass nicht jede Bewegung sich so vom einen zum anderen und nach und nach überträgt, bis sie ihren Weg um die Welt gemacht hat. Werfen Sie mal einen Körper von gleicher Dichte ins Wasser, Sie können sich leicht ausrechnen, dass nach einiger Zeit die Bewegung dieses Körpers und die, die er dem Wasser mitgeteilt hat, aufgehört haben.* Die Bewegungen verlieren und erneuern sich wieder; daher kann die Bewegung, die Magog auslösen konnte, indem er in einen Brunnen spuckte, nicht auf das eingewirkt haben, was heute in Russland und in Preußen geschieht. Also sind die heutigen Ereignisse nicht die Kinder all der vergangenen Ereignisse; sicher gibt es direkte Verbindungslinien, aber tausend kleine Seitenlinien sind zu gar nichts nütze. Noch einmal, jedes Lebewesen hat seinen Vater, aber nicht jedes Lebewesen hat Kinder: Wir werden vielleicht mehr darüber sagen, wenn vom Schicksal die Rede ist.
CHAÎNE DES ÊTRES CRÉÉS – Die Kette der geschaffenen Lebewesen
Das erste Mal, als ich Platon las und von jener Stufenfolge der Lebewesen erfuhr, die vom leichtesten Atom bis zum höchsten Wesen aufsteigen, erregte diese Stufenleiter meine Bewunderung; aber bei aufmerksamer Betrachtung verschwand dieses großartige Phantom, wie sich in früheren Zeiten am Morgen beim ersten Hahnenschrei alle Gespenster verflüchtigten.
Der Vorstellungskraft gefällt es zunächst, den kaum wahrnehmbaren Übergang von der rohen Materie zur organisierten Materie zu sehen, von den Pflanzen zu den Zoophyten*, von diesen Zoophyten zu den Tieren, von ihnen zum Menschen, von den Menschen zu den Geistern und dann von diesen Geistern, die von einem kleinen, luftartigen Körper umhüllt sind, hin zu den immateriellen Substanzen; und schließlich tausend verschiedene Ordnungen dieser Substanzen, die sich von der Schönheit in höchster Vollendung bis zu Gott selbst erheben. Diese Hierarchie gefällt den guten Leuten sehr, die glauben, darin den Papst und seine Kardinäle gefolgt von den Erzbischöfen und Bischöfen zu sehen; nach denen kommen dann die Pfarrer, die Vikare, die einfachen Priester, die Diakone, die Unterdiakone, dann tauchen die Mönche auf, und das Ende der Prozession bilden die Kapuziner.
Aber der Abstand zwischen Gott und seinen vollkommensten Geschöpfen ist etwas größer als der zwischen dem Heiligen Vater und dem Dekan des heiligen Kollegiums: Dieser Dekan kann Papst werden, doch der vollkommenste aller vom höchsten Wesen geschaffenen Geister kann nicht Gott werden; zwischen ihm und Gott befindet sich die Unendlichkeit.
Diese Kette, diese angebliche Abstufung, existiert bei den Pflanzen ebenso wenig wie bei den Tieren; der Beweis dafür ist, dass es Pflanzen- und Tierarten gibt, die vernichtet wurden. Es gibt keine Stachelschnecken mehr. Es war verboten, Greif und Ixion zu essen.* Diese beiden Arten sind von dieser Erde verschwunden, was Bochart auch darüber sagen mag:* Wo ist also die Kette?
Selbst wenn wir nicht schon einige Arten verloren hätten, ist es offensichtlich, dass man welche vernichten kann. Die Löwen, die Nashörner beginnen sehr selten zu werden.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass es Menschenrassen gegeben hat, die man nicht mehr vorfindet; aber ich nehme an, dass sie alle existiert haben, wie die Weißen, die Neger, die Kaffern, denen die Natur eine Schürze aus ihrer Haut gegeben hat, die von ihrem Bauch bis zur Hälfte der Schenkel herabhängt; die Samoyaden, bei denen die Brustwarzen der Frauen eine schöne Ebenholzfarbe haben, usw.
Besteht nicht deutlich sichtbar eine Leerstelle zwischen dem Affen und dem Menschen? Drängt es sich nicht auf, sich ein Tier mit zwei Beinen und ohne Federn vorzustellen, das intelligent wäre, aber weder über den Gebrauch der Sprache noch unser Aussehen verfügte, das wir zähmen könnten, das auf unsere Zeichen reagierte und uns zu Diensten wäre? Und könnte man sich zwischen dieser neuen Art und den Menschen nicht noch andere vorstellen?
Jenseits der Menschen bringen Sie, göttlicher Platon, im Himmel eine Reihe himmlischer Wesen unter; unsereins glaubt an einige dieser Wesen, weil der Glaube es uns lehrt. Sie aber, welchen Grund haben Sie, daran zu glauben? Sie haben anscheinend nicht mit dem Geist des Sokrates gesprochen; und dieser brave alte Heres, der eigens zu neuem Leben erwachte, nur um Sie die Geheimnisse des Jenseits zu lehren, hat Ihnen nichts über diese Wesen beigebracht?*
Das ändert aber nichts daran, dass diese angebliche Kette im wahrnehmbaren Universum unterbrochen ist.
Welche Abstufung besteht, bitte, zwischen Ihren Planeten? Der Mond ist vierzigmal kleiner als unsere Erdkugel. Wenn Sie vom Mond aus durch die Leere gereist sind, treffen Sie auf die Venus, sie ist ungefähr so groß wie die Erde. Von da aus gehen Sie zum Merkur, er dreht sich in einer Ellipse, die sehr verschieden ist von der Kreisbahn, die die Venus durchläuft; er ist siebenundzwanzigmal kleiner als wir, die Sonne eine Million Mal größer, der Mars fünfmal kleiner; dieser durchläuft seine Bahn in zwei Jahren, Jupiter, sein Nachbar, die seine in zwölf, Saturn in dreißig; und dann ist Saturn, der entfernteste von allen, nicht so groß wie Jupiter.* Wo ist da die angebliche Abstufung?
Sodann, wie soll es denn in den weiten leeren Räumen eine Kette geben, die alles verbindet? Wenn es eine gibt, dann ist es sicher die, die Newton entdeckt hat; sie ist es, die alle Himmelskörper der Planetenwelt in dieser ungeheuren Leere umeinander kreisen lässt.
Oh, so sehr bewunderter Platon! Sie haben nur Fabeln erzählt, und es ist von den Cassideriden-Inseln*, wo zu Ihrer Zeit die Menschen ganz nackt umherliefen, ein Philosoph gekommen, der die Welt Wahrheiten lehrte, die ebenso groß waren wie Ihre Vorstellungen kindisch.
LE CIEL DES ANCIENS – Der Himmel in der Antike
Wenn eine Seidenraupe dem zarten Gespinst, das ihr Gehäuse umgibt, den Namen Himmel gäbe, würde sie, wie Fontenelle sehr gut in seinen Unterhaltungen über die Vielzahl der Welten bemerkt hat, genauso argumentieren, wie es alle in der Antike taten, als sie die Atmosphäre, das Gespinst um unser Gehäuse, Himmel nannten.*
Die Dämpfe, die aus unseren Meeren und unserer Erde aufsteigen und Wolken, Meteore und Donner bilden, galten zunächst als Wohnung der Götter. Bei Homer fahren die Götter immer auf goldenen Wolken herunter; daher kommt es, dass die Maler sie auch heute noch auf einer Wolke sitzend malen; aber da es sich wohl so gehörte, dass es dem Obersten der Götter besser ergehe als den anderen, gab man ihm einen Adler, um ihn zu tragen, denn der Adler fliegt höher als alle anderen Vögel.
Da die alten Griechen sahen, dass die Herrscher über die Städte in Zitadellen hoch oben auf irgendeinem Berg wohnten, so meinten sie, die Götter könnten auch eine Zitadelle haben, und platzierten sie in Thessalien auf dem Berg Olymp, dessen Gipfel manchmal von Wolken verborgen ist, so dass der Götterpalast auf gleicher Höhe wie ihr Himmel lag.
Die Sterne und Planeten, die am blauen Gewölbe unserer Atmosphäre befestigt zu sein scheinen, wurden dann die Wohnungen der Götter. Sieben von ihnen hatten ein jeder seinen eigenen Planeten, die anderen wohnten, wo sie konnten. Der allgemeine Götterrat wurde in einem großen Saal abgehalten, den man über die Milchstraße erreichte, denn die Götter mussten einen Sitzungssaal in der Luft haben, da die Menschen auf der Erde ihre Rathäuser hatten.
Als die Titanen, eine Art von Lebewesen zwischen Göttern und Menschen, diesen Göttern einen ziemlich gerechten Krieg erklärten, um einen Teil ihres väterlichen Erbes zurückzufordern, weil sie Söhne des Himmels und der Erde waren, türmten sie nur zwei oder drei Berge übereinander, in der Meinung, dass dies sehr wohl ausreiche, um sich zu Herren über den Himmel und den Sitz der Götter auf dem Olymp zu machen.
Neve foret terris securior arduus aether,
Affectasse ferunt regnum coeleste gigantas
Altaque congestos struxisse ad sidera montes. *
Diese Physik für Kinder und alte Weiber stammte aus unvordenklichen Zeiten. Es ist jedoch sicher, dass die Chaldäer ebenso vernünftige Vorstellungen wie wir von all dem hatten, was man den Himmel nennt, sie setzten die Sonne in das Zentrum unseres planetarischen Systems, ungefähr in der Entfernung von unserem Erdball, wie wir sie festgestellt haben. Sie ließen die Erde und alle Planeten um dieses Gestirn kreisen. Das jedenfalls lehrt uns Aristarchos von Samos. Nach diesem Modell funktioniert die Welt wirklich, und Kopernikus hat es seither ergänzt. Aber die Philosophen behielten das Geheimnis für sich, damit sie von den Königen und dem Volk mehr respektiert wurden, oder vielmehr, um nicht verfolgt zu werden.
Die Sprache des Irrtums ist den Menschen so vertraut, dass wir noch immer unsere Dünste und den Raum zwischen der Erde und dem Mond mit dem Namen Himmel bezeichnen. Wir sagen »zum Himmel aufsteigen«, wie wir auch sagen, dass die Sonne sich dreht, obgleich man sehr wohl weiß, dass sie sich nicht dreht. Wahrscheinlich sind wir für die Mondbewohner der Himmel, und von jedem Planeten sieht der benachbarte Planet wie der Himmel aus.
Wenn man Homer gefragt hätte, in welchen Himmel wohl die Seele Sarpedons entwichen sei und wo sich die von Herakles aufhalte, wäre Homer sehr verlegen geworden und hätte sich mit wohlklingenden Versen aus der Affäre gezogen.
Welche Gewissheit hatte man denn dafür, dass sich die ätherische Seele des Herakles auf der Venus oder auf dem Saturn wohler gefühlt hätte als auf unserer Erdkugel? Hätte sie auf der Sonne sein können? Doch in diesem Feuerofen scheint es nicht auszuhalten zu sein. Was schließlich verstand man in der Antike unter dem Himmel? Man wusste nichts darüber und rief immerfort der Himmel und die Erde, das ist in etwa so, wie wenn man gerufen hätte »das Unendliche und ein Atom«. Es gibt, genaugenommen, gar keinen Himmel, es gibt eine ungeheure Menge von Weltkugeln, die durch den leeren Raum kreisen, und unsere Erdkugel kreist darin genauso wie die anderen.
In der Antike glaubte man, in den Himmel zu kommen bedeute hinaufzusteigen, aber man steigt überhaupt nicht von einer Weltkugel zu einer anderen hinauf, die himmlischen Weltkugeln befinden sich bald über uns, bald unter uns. Wenn wir also annehmen, Venus sei nach Paphos gekommen und kehre zu ihrem Planeten zurück, wenn dieser Planet schlafen gegangen ist, würde die Göttin Venus im Hinblick auf unseren Horizont keineswegs hinaufsteigen, sie stiege hinab, und man müsste in diesem Fall sagen, in den Himmel hinabsteigen. Aber in der Antike verstand man solche Feinheiten nicht. Sie hatte von allem, was mit Physik zu tun hatte, ungenaue, unsichere und widersprüchliche Begriffe. Man hat ungeheure Wälzer verfasst, um herauszufinden, wie man über sehr viele Fragen dieser Art dachte. Vier Wörter hätten jedoch genügt, sie haben nicht nachgedacht.
Eine kleine Anzahl von Weisen muss wie immer davon ausgenommen werden, aber sie kamen spät; nur wenige erklärten ihre Gedanken, und wenn sie es taten, haben die Scharlatane dieser Erde sie auf dem kürzesten Weg in den Himmel geschickt.
Ein Schriftsteller, den man, glaube ich, Pluche nennt, hat aus Mose einen großen Physiker machen wollen.* Ein anderer hatte zuvor schon Mose mit Descartes versöhnt und den Cartesius mosaïzans drucken lassen;* nach ihm hatte Mose als Erster die Wirbel und den Äther entdeckt. Doch bekanntermaßen hat Gott, der aus Mose einen großen Gesetzgeber, einen großen Propheten machte, keinesfalls einen Physikprofessor aus ihm machen wollen. Er belehrte die Juden über ihre Pflichten, aber lehrte sie kein Wort Philosophie. Calmet, der sehr viel zusammengetragen und niemals nachgedacht hat, spricht vom System der Hebräer.* Aber dieses ungehobelte Volk war weit davon entfernt, ein System zu haben, sie hatten ja noch nicht einmal eine Schule der Geometrie, schon der Name war ihnen unbekannt. Ihre einzige Wissenschaft waren die Gewerbe des Maklers und des Wucherers.
In ihren Büchern findet man über die Struktur des Himmels einige fragwürdige und unzusammenhängende Gedanken, die insgesamt eines barbarischen Volkes würdig sind. Ihr erster Himmel war der Luftraum, der zweite das Firmanent, woran die Sterne befestigt waren; dieses Firmament war ein fester Körper aus Eis und enthielt die himmlischen Gewässer, die aus diesem Reservoir zur Zeit der Sintflut durch Türen, Schleusen und Wasserfälle flossen.*
Oberhalb dieses Firmaments oder dieser oberen Gewässer befand sich der dritte Himmel oder das Empyreum, wohin der heilige Paulus entrückt wurde. Das Firmament war eine Art halbkreisförmiges Gewölbe, welches die Erde umspannte. Die Sonne drehte sich nicht etwa um einen Erdball, den sie nicht kannten. Wenn sie im Westen angelangt war, kam sie auf unbekanntem Wege wieder zurück in den Osten; und wenn man sie nicht sah, so war es, wie der Baron de Faeneste sagt, weil sie nachts zurückkam.*
Außerdem hatten die Hebräer diese Hirngespinste von anderen Völkern übernommen. Die meisten Nationen, ausgenommen die Schule der Chaldäer, betrachteten den Himmel als festen Körper. Die Erde, unveränderlich und unbeweglich, war von Osten bis Westen um ein gutes Drittel länger als von Süden nach Norden, von daher kommen die Ausdrücke Länge und Breite, die wir übernommen haben. Es ist leicht einzusehen, dass nach dieser Auffassung Antipoden unmöglich waren. Daher bezeichnet der heilige Augustinus die Idee der Antipoden als völlig absurd,* und Laktanz sagt ausdrücklich: Oder ist irgendeiner so albern, dass er glaubt, es gebe Menschen, deren Füße oberhalb der Köpfe sind? Und noch mehr von dieser Art.*
Der heilige Chrysostomos ruft in seiner 14. Predigt aus: Wo sind diejenigen, die da behaupten, die Himmel seien beweglich und ihre Form sei kreisförmig?*
Laktanz sagt außerdem im 3. Buch seiner Institutiones: Ich könnte Euch mit zahlreichen Gründen beweisen, dass es unmöglich ist, dass der Himmel die Erde umgibt.
Der Verfasser des Schauspiels der Natur* kann so lange, wie er will, Herrn le Chevalier sagen, dass Laktanz und der heilige Chrysostomos bedeutende Philosophen waren, man wird ihm erwidern, dass sie bedeutende Heilige waren und dass es keineswegs nötig ist, ein guter Astronom zu sein, um ein Heiliger zu werden. Man wird glauben, dass sie im Himmel sind, doch wird man zugeben, dass man nicht weiß, in genau welchem Teil des Himmels sie sich aufhalten.
CIRCONCISION – Beschneidung
Wenn Herodot erzählt, was er von den Barbaren, zu denen er gereist war, erfahren hat, erzählt er Albernheiten,* wie die meisten unserer Reisenden. So braucht man ihm nicht zu glauben, wenn er von den Abenteuern von Gyges und Kandaules spricht, von Arion auf dem Delphin und vom Orakel, das, befragt, was Krösus tun würde, antwortete, dieser koche eine Schildkröte im zugedecktem Topf – oder vom Pferd des Darius, das seinen Herrn zum König machte, indem es sich ihm als Erstem näherte, und von hundert anderen Märchen, die Kindern gefallen und die Rhetoriker sammeln.* Wenn er aber von den Dingen erzählt, die er gesehen hat, von den Sitten der Völker, die er untersucht, von ihrer Geschichte, die er zu Rate gezogen hat, spricht er doch zu Erwachsenen.
Es scheint, sagt er im Buch »Euterpe«, dass die Einwohner von Kolchis* ursprünglich aus Ägypten stammen, ich urteile aus eigener Anschauung und weniger vom Hörensagen, denn ich habe festgestellt, dass man sich in Kolchis wesentlich besser an die alten Ägypter erinnert, als man sich in Ägypten an die alten Gewohnheiten von Kolchis erinnert.
Die Bewohner der Ufer des Schwarzen Meeres behaupten, eine von Sesostris gegründete Kolonie zu sein, ich für meinen Teil vermute das ebenfalls, nicht nur, weil sie dunkelhäutig sind und gekräuselte Haare haben, sondern weil die Völker von Kolchis, Ägypten und Äthiopien die einzigen sind, die sich seit jeher haben beschneiden lassen; weil die Phönizier und die Bewohner von Palästina zugeben, dass sie die Beschneidung von den Ägyptern übernommen haben. Die Syrer, die heute die Ufer des Thermodon und Parthiens bewohnen, und ihre Nachbarn, die Makronen,* erklären, dass es noch nicht lange her ist, seit sie sich dieser ägyptischen Gewohnheit angepasst haben. Hauptsächlich deshalb hält man ihre Herkunft für ägyptisch. Was Äthiopien und Ägypten betrifft, bei denen diese Zeremonie jeweils sehr weit zurück reicht, wüsste ich nicht zu sagen, wer von beiden die Beschneidung vom anderen übernommen hätte, es ist indessen wahrscheinlich, dass die Äthiopier sie von den Ägyptern haben, wie umgekehrt die Phönizier den Brauch, die Neugeborenen zu beschneiden, abgeschafft haben, seit ihr Handel mit den Griechen zunahm.
Aus dieser Passage Herodots folgt klar, dass mehrere Völker die Beschneidung von Ägypten übernommen haben; aber keine Nation jemals behauptet hat, sie von den Juden erhalten zu haben. Wem kann man nun den Ursprung dieses Brauchs zuschreiben – der Nation, von der fünf oder sechs andere bekennen, ihn erhalten zu haben, oder einer anderen Nation, die weit weniger mächtig, weniger Handel treibend, weniger Krieg führend, versteckt in einem Winkel Arabiens lebend und niemals die geringste ihrer Gewohnheiten an irgendein anderes Volk weitergegeben hat?
Die Juden sagen, sie seien vormals aus Barmherzigkeit in Ägypten aufgenommen worden; ist es nicht wahrscheinlich, dass das kleine Volk einen Brauch des großen Volkes nachahmte und die Juden einige Sitten ihrer Herren annahmen?
Clemens von Alexandria berichtet, dass Pythagoras, als er durch Ägypten reiste, gezwungen war, sich beschneiden zu lassen, um zu ihren religiösen Mysterien zugelassen zu werden; man musste also unbedingt beschnitten sein, wollte man der Priesterschaft Ägyptens angehören. Diese Priester waren da, als Josef in Ägypten ankam, die Regierungsform bestand seit Langem, und man beachtete die antiken Zeremonien Ägyptens mit gewissenhafter Genauigkeit.
Die Juden geben zu, dass sie zweihundertfünf Jahre in Ägypten ansässig waren*, sie sagen, dass sie sich in diesem Zeitraum nicht beschneiden ließen; es ist folglich klar, dass die Ägypter während dieser zweihundertfünf Jahre die Beschneidung nicht von den Juden erhalten haben. Hätten sie diese von ihnen übernommen, nachdem ihnen die Juden alle Gefäße gestohlen hatten, die man ihnen geliehen hatte, und nach ihrem eigenen Zeugnis mit ihrer Beute in die Wüste entflohen? Übernimmt ein Herr das wichtigste Kennzeichen der Religion von seinem flüchtigen und diebischen Sklaven? Dies liegt nicht in der Natur des Menschen.
Es heißt im Buch Josua, dass die Juden in der Wüste beschnitten wurden: Ich habe euch von dem befreit, was bei den Ägyptern zu eurer Schande gereichte.* Nun, was könnte dieses Schandebringende sein für Leute, die sich unter den Völkern der Phönizier, Araber und Ägypter befanden, wenn nicht das, was sie für diese drei Nationen verachtenswert machte? Wie befreite man sie von dieser Schande? Indem man sie von einem Stück Vorhaut befreite. Liegt nicht darin der natürliche Sinn dieser Passage?
Die Genesis sagt,* dass Abraham schon vorher beschnitten worden war, doch Abraham reiste durch Ägypten, das seit Langem, von einem mächtigen König regiert, ein blühendes Königreich war. Nichts spricht dagegen, dass die Beschneidung in diesem so alten Königreich bereits lange in Gebrauch war, als sich die jüdische Nation bildete. Außerdem blieb die Beschneidung Abrahams ohne Nachahmung, seine Nachkommen wurden erst zur Zeit Josuas beschnitten.
Nun übernahmen die Israeliten vor Josua sogar nach ihrem eigenen Bekunden viele der Gewohnheiten der Ägypter: So entlehnten sie einige Opferbräuche, mehrere religiöse Rituale wie das Fasten, das man an den Tagen vor den Isisfesten praktizierte, die Reinigungshandlungen, den Brauch, die Köpfe der Priester zu rasieren, den Weihrauch, den Kandelaber, das Opfer der roten Kuh, die Reinigung mit Ysopbüscheln*, den Verzicht auf Schweinefleisch, die Abscheu vor Küchengeräten fremder Völker. All das belegt, dass das kleine hebräische Volk trotz seiner Abneigung gegen die große ägyptische Nation eine unendliche Vielzahl von Gebräuchen seiner früheren Herren übernommen hatte. Dieser Ziegenbock Asasel, dem man die Sünden des Volkes auflud und ihn in die Wüste jagte, war eine ersichtliche Kopie eines ägyptischen Brauches, die Rabbiner geben sogar zu, dass das Wort Asasel nicht-hebräischen Ursprungs ist. Nichts spricht also dagegen, dass die Hebräer die Ägypter bei der Beschneidung nachgeahmt haben, wie dies auch die Araber, ihre Nachbarn, taten.
Es ist keinesfalls verwunderlich, dass Gott, wenn er schon die Taufe – so lange gebräuchlich bei den Asiaten – heiligte, auch die Beschneidung guthieß, die nicht weniger lange bei den Afrikanern gebräuchlich war. Wir haben bereits darauf hingewiesen, dass es dem Herrn gegeben ist, die Merkmale seines Wohlgefallens auszuwählen.
Des weiteren hat das jüdische Volk, seitdem es unter Josua beschnitten wurde, diesen Brauch bis auf unsere Tage beibehalten, auch die Araber sind ihm fortwährend treu geblieben, während die Ägypter, die in der ersten Zeit Jungen und Mädchen beschnitten, mit der Zeit damit aufhörten, diese Operation an Mädchen vorzunehmen, und sie schließlich auf Priester, Astrologen und Propheten beschränkten. Das berichten uns Clemens von Alexandria und Origenes. Tatsächlich weiß man gar nicht, ob die Ptolemäer die Beschneidung jemals praktizierten.
Die lateinischen Autoren, welche die Juden mit so großer Verachtung behandeln, indem sie sie zum Beispiel spöttisch Curtus Apella, Credat Judaeus Apella, Curti Judaei* nennen, geben den Ägyptern keine derartigen Beinamen. Das ganze ägyptische Volk ist zwar heute beschnitten, aber aus einem anderen Grund, denn der mohammedanische Glaube hat die alte Beschneidung von den Arabern übernommen.
Es ist diese arabische Beschneidung, die zu den Äthiopiern kam, wo man Jungen und Mädchen noch heute beschneidet.
Man muss eingestehen, dass diese Beschneidungszeremonie zunächst sehr befremdlich erscheint; man muss aber beachten, dass sich die Priester des Morgenlandes zu allen Zeiten ihren Gottheiten durch besondere Kennzeichen weihten. Mit einem Stichel ritzte man den Bacchuspriestern ein Efeublatt ins Handgelenk. Lukian sagt uns, dass die Isisanbeter sich Buchstaben auf die Faust und auf den Hals tätowierten.* Die Priester der Kybele machten sich zu Eunuchen.
Allem Anschein nach stellten sich die Ägypter, die das Fortpflanzungsorgan sehr verehrten und sein Abbild bei ihren Prozessionen prunkvoll mitführten, vor, dass sie Isis und Osiris, von denen alles Leben auf der Erde abhing, einen kleinen Teil jenes Gliedes opferten, durch das sich das menschliche Geschlecht nach dem Willen dieser Gottheiten fortpflanzte. Die alten orientalischen Sitten sind so erstaunlich verschieden von den unseren, dass, wer ein wenig belesen ist, nichts für unmöglich halten wird. Ein Pariser ist ganz erstaunt, wenn man ihm sagt, dass die Hottentotten ihren männlichen Kindern eine Hode abschneiden lassen. Die Hottentotten sind vielleicht erstaunt, dass die Pariser davon zwei behalten.
CORPS – Körper
Genauso wenig, wie wir wissen, was ein Geist ist, wissen wir, was ein Körper ist: Wir sehen einige Eigenschaften, aber was ist das Subjekt, zu dem diese Eigenschaften gehören? Es gibt nur Körper, sagten Demokrit und Epikur. Es gibt überhaupt keine Körper, sagten die Schüler des Zenon von Elea.*